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BABYBLAUE-SEITEN

Solange Musik nicht eines Tages nur noch übers Internet verbreitet werden sollte – was die guten Geister des Prog verhüten mögen – so lange wird es noch dabei bleiben, dass die erste Begegnung des Fans mit einer neuen Veröffentlichung auf visuellem und haptischem Wege erfolgen wird.

So machte auch ich mit diesem Album Bekanntschaft: zunächst war ich erstaunt, dass die CD in einer DVD-Hülle steckte, dann öffnete ich diese und wunderte mich nicht mehr: die fast dreidimensional anmutende Gestaltung des Coverbildes hätte mir ein Hinweis sein sollen: in der Hülle stecken zwei dicke Booklets, das eine enthält die Texte (französisch und deutsche Übersetzung) mit einem Artwork aus nahezu "anfassbarer" Ölmalerei- und Computergraphik, das seinesgleichen sucht (sogar im Prog!), das andere nennt sich "Das Seelenbuch des Dramen-Helden" und erzählt die Geschichte des Album-Konzepts in einer Art Tagebuch (in deutscher Sprache); auch dieses ist mit Artwork versehen, aber – passend zur literarischen Natur – nicht so opulent, sondern in bescheideneren Zeichnungen. So viel Material hätte natürlich nie in ein Jewelcase der handelsüblichen Art gepasst. Und so viel Erleben mit allen Sinnen (abgesehen vom Riechen, wie immer:-() bieten CD-Veröffentlichungen sonst auch nur selten.

Nun wird sich der Leser schon Manches denken können, was mit diesem Album auf ihn zukommt, als Proggy ist man ja von jeher auf die eine oder andere Erweckungspredigt gefasst. Einerseits passt diese Erwartung hier auch – Die Band schreibt immerhin selbst: "…die Geschichte über das Erwachsenwerden, des Lebens, der Kriege, der Geschlechter und des Todes…" – aber etwas komplizierter ist die Angelegenheit denn doch. Das Beste wird sein, ich gebe die Story im Folgenden mal kurz wieder:

Der "Dramen-Held" ist zunächst mit seiner Sippe rastlos unterwegs, in einer Art Nomaden-Treck, der seit Generationen kein Ende nehmen will. Irgendwann bleibt der Held auf dem Weg absichtlich zurück, weil er den Stillstand in der sinnentleerten Bewegung fühlt und genau das Umgekehrte sucht. Er verharrt tagelang an einem Ort, bis er schließlich befürchtet, den Verstand zu verlieren – ganz so, als müsste er seinen Ausbruch aus dem Wander-Ritual mit Wahnsinn büßen. Er bemerkt nämlich, wie sich seine Umwelt langsam verändert: die Welt um ihn ist nach und nach nicht mehr die, die er kannte. Das geht so weit, dass er seine sinnlichen Fähigkeiten zu verlieren und in einen Abgrund zu stürzen scheint.

Aber er erwacht wieder, zunächst in der Erwartung eines Jägers oder Rächers, der ihn für seinen Übergriff bestrafen wird, doch stattdessen berührt ihn eine Göttin und führt ihn in eine "Terrassenwelt", in der noch mehrere Göttinnen wohnen, die ihn bezaubern und bezirzen, aber Männer gibt es dort nicht. Schließlich kommt es zur erotischen Vereinigung zwischen ihm und einer dieser mysteriösen Frauen. Aber die Sinnlichkeit "versickert", ein Schrei ertönt, die Szenerie verändert sich, und der Held findet sich auf einem Stuhl wieder, mit Schläuchen an eine pumpende Maschine angeschlossen…

Zwischenfrage meinerseits: Gibt es Leser, die jetzt noch immer nicht an "The Lamb lies down on Broadway" denken?

…Jedenfalls pumpen diese Schläuche den Lebenssaft aus einem heraus, bis nur noch die vertrocknete Körperhülle übrig bleibt. Man kann das sehen, denn neben dem Helden liegt ein anderer Mann, dem genau das passiert ist. Die Maschine wird offenbar von diesen Frauen bedient, die jetzt "Dienerinnen" genannt werden.

Plötzlich wird das Gebäude von einer "Armada" angegriffen: unser Held wird von den Schläuchen befreit und flieht mit der einen Frau (mit der er sich vereinigt hatte) in einen tiefen Schlund der Erde. Aber auch dort findet er keinen Frieden: die Frau verschwindet, und die "Konquistadoren" (auch "Patriarchen" genannt) stellen ihn vor ein Tribunal, weil er sich mit "Hexen" eingelassen hat. Er kommt in einen Kerker und wird zum Tode durch den Giftbecher verurteilt. Sein letzter Wunsch ist, dass sein Seelenbuch seiner Sippe übergeben wird. Und das Leben geht weiter, denn irgendwo wird ein Kind geboren…

Ganz neu ist das nicht – siehe "The Lamb", siehe "Subterranea", – aber es kommt auch nicht in der Form an den Hörer und Leser, die man zunächst erwarten würde. Das fängt damit an, dass in der Musik zur Story das Atmosphärische deutlich über den narrativen Strukturen steht; somit wird – passend zum ganzheitlichen Anspruch der Band – das übliche Fantasy-Konzept im Prog schon mal überraschend durchbrochen bzw. gewinnbringend erweitert.

Vermittelt wird diese schwer fassbare Geschichte durch einen Stil-Mix, der ebenfalls schwer in Worte zu fassen ist: die kompositorischen Strukturen sind ausufernd, aber nicht unbedingt episch, schon gar nicht symphonisch-proggig. Der meist dominierende Elektronik-Einsatz erinnert zuweilen an Klaus Schulze, das Material ist aber songorientierter – auch das jedoch in Maßen: wäre die Liedhaftigkeit ausgeprägter, käme die Musik sicher alsbald in der Welt von Eloy an, aber so weit geht die Fantasy-Neigung zum Glück längst nicht. Der Vergleich zu Pink Floyd hinkt auch, denn diese Musik hat nirgendwo das Floydig-Subversive, ist dafür doch zu verträumt, wenn ich auch einräumen muss, dass hier und da eine Gilmour-Gitarre zu hören ist, gepaart mit einer Wright-Orgel (z.B. in "Aprés un pas"). An Klaus Schulze denke ich während eines Hördurchlaufs noch am häufigsten, vor allem wegen der elektronischen Basstöne in "Prologue EL" (klingt wie Schulzes "Royal Festival Hall"-Konzert), aber erweitert wird dieses Bild außer durch die kompositorische Dimension noch durch den vollen Band-Einsatz, in dem zum Teil – aber auch nicht häufig – sogar Neoprog-Keyboards eingesetzt werden ("La créature" und L’ armada"). An einer Stelle kommt sogar ein gewisses Jazz-Feeling mit Saxophon auf ("Le voyage"), und mehrfach erinnert mich die Zupf-Leichtigkeit mancher Passagen an Andreas Vollenweider (z.B. in "L’ arbre de l’ arrêt" und dem darauf folgenden "La marée du coeur").

Was den französischen Gesang betrifft: der ist häufig – vor allem zu Beginn – sehr stimmgewaltig rezitierend: so in etwa stelle ich mir Dichtervorträge in der Antike vor. Man könnte die Intonationen freilich auch hier und da etwas wichtigtuerisch finden, wenn man so was nicht mag, und es kann nicht schaden, eine gewisse Grundsympathie für den Klang der französischen Sprache mitzubringen, wenn man sich auf das Album einlässt…

Ganz einfache Kost ist es also nicht, die uns diese Band vorsetzt, und es greift zu kurz, das als Esoterik-Kitsch abzutun. An sich bin ich zwar kein so großer Fan von Selbstfindungs-Dramen (sie scheinen mir immer ein bisschen zu stark die menschliche Neigung zur individuellen Selbst-Überschätzung widerzuspiegeln), aber wenn eine Band das mit so viel Hingabe rüberbringt wie diese, dann reißt es auch mich mit.

Etwas von dieser Hingabe an die Sache lässt sich auf der CD übrigens auch optisch genießen: die Scheibe enthält ein Video, auf dem die Musiker bei der Arbeit zu sehen sind, vor allem im Studio, und jetzt kann ich wieder sagen: eigentlich finde ich solche Making-Of-Home-Movies langweilig, aber wenn dabei so viel ernsthafter Spaß zu erkennen ist und so starker Glaube an die Botschaft des Ganzen – sei es visuell, akustisch oder motorisch – dann reißt es mich wieder mehr mit, als ich es eigentlich bezwecke…

Es würde mich nicht wundern, wenn es zu diesem Album früher oder später eine Fortsetzung geben würde – immerhin hatte die Band ja selbst von der "ersten Etappe ihres Lebenswerks" gesprochen. Wobei mich das freilich auch etwas seltsam anmutet: der Begriff "Lebenswerk" wird ja eher aus dem Rückblick heraus benutzt und weniger als Ankündigung. Trotzdem: neugierig macht es mich schon, was da noch kommen mag…


Henning Mangold BABYBLAUE-SEITEN

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